labor

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Was ist ein Text? Eine erste Antwort auf diese Frage wäre im Rahmen einer literalen Lesart: das sich aus syntag- und paradigmatischen Reihen zusammensetzende Gewebe, lateinisch textus. Etwas also, das sich nach den Urvätern der modernen Semiotik, Saussure und Jakobson, aus Raum und Zeit oder der nahezu endlosen Latenz des Möglichen im monologischen Fluss der Zeichen zusammensetzt. Und genau das ist der Text, ein In- und Miteinander von gewaltigen Räumen und ergriffener Möglichkeit, der syntaktischen Aneinanderreihung der literarischen Rede über dem Meer der Latenzen, wie auch zwischen dem Autor als dem ersten Leser und dem Leser als dem ersten Autor nach dem Autor. So gesehen schreiben immer mehrere an einem Text, Menschen wie Entitäten.

Was ist ein Autor? Der Ort der Hervorbringung eines Textes, der im gelungensten Augenblick der Entstehung, etwa im Fall der Schaffung von „großer“ Literatur, vollkommen hinter der Geburt verschwindet und ganz in der Emanation desselben aufgeht. Der Autor wäre demnach etwas, das immer dann in Erscheinung tritt, wenn eine Störung eintritt, der Indikator eines ungelösten Problems, einer Reibung, die dazu führt, dass Werk und Schöpfer auseinandertreten, statt miteinander zu verschmelzen. Zugegebenermaßen eine etwas romantische Definition, aber da dies in nahezu jedem Text mehr als einmal vorkommt (mit Ausnahme vielleicht eines einzigen, von dem sein Autor nach der Niederschrift “in einem Zug” sagte, dass nur so geschrieben werden könne, Franz Kafkas „Das Urteil“), sind die Einsatzmöglichkeiten und das Betätigungsfeld für den Lektor fast unbegrenzt. Den verbreitetsten Fall einer solchen Störung oder Trennung nennt man übrigens das Ende, Fin, The End, jener unvermeidliche Moment, in dem der Autor seine Schöpfung loslässt und auf eine ungewisse Reise schickt, jener Augenblick, in dem der Text seinen Erzeuger wie eine Larve abstreift und sich selbst überlässt.

Was ist Lesen? Zunächst einmal jene Form der Kulturtechnik, die uns einen erweiterten Schatz von Erfahrungen eröffnet, in der Kindheit jene grandiose Öffnung des geistigen Horizontes, die uns, neben zahllosen Fluchtwegen aus dem Koordinatennetz der familiären Repression, den eigentlichen Zugang zu der Welt des Geistes ebnet – und damit zu einer Sphäre, die sich von den Zwängen sämtlicher Konkretismen, mithin jenes „Absolutismus der Wirklichkeit“ löst, den Hans Blumenberg an den Anfang seiner Kulturgeschichte stellt und dessen erstes Antidoton nach seiner Auffassung der Mythos oder die erste Erzählung ist. Dann aber, in einem weiteren Sinn, jede Form der Auseinandersetzung mit Welt, deren Lesarten ebenso unerschöpflich wie die der Literatur sind.

Was ist ein Lektor? Oder: Wie kann das Verhältnis der Erkenntnis oder des Verständnisses eines Textes oder eines Stücks Literatur zu dessen Lektorierung aussehen? Oder noch einmal anders gefragt: Wo wäre, wenn überhaupt, der epistemologische Aspekt der Arbeit des Lektors zu sehen, der über eine bloße Kosmetik hinausginge (aber vergessen wir nicht, schon in der Kosmetik steckt der ganze Kosmos)? Was also ist der Unterschied zwischen „bloßem“ Lesen und Lektorieren? Eine Frage, die sich spätestens dann stellt, wenn wir den Lektor nicht auf seine Rolle als ersten Leser nach dem Autor reduzieren, sondern als Helfer bei der Geburt und Erziehung eines Textes verstehen, als Maieutiker, dessen Lektüre im besten Fall dazu beiträgt, gemeinsam mit dem Autor das „Wesentliche“ eines Textes zur Entfaltung zu bringen.

Tatsächlich setzt die Tätigkeit des Lektorierens all das voraus, was man im literaturwissenschaftlichen Studium quasi als Handwerk erlernt: die hermeneutische Exegese, das geistige Durchdringen der Sinnebenen eines Textes, die strukturelle, rhetorische und inhaltliche Analyse eines Manuskriptes. Erst auf dem Fundament einer soliden literarwissenschaftlichen Ausbildung kann ein Lektorat erwachsen, das über genügend Fallhöhe verfügt, um nicht am Buchstaben zu kleben, und so viele stilistische Muster von Weltrang verinnerlicht hat, dass die Begegnung mit einem neuen Text zugleich vorurteilsfrei und erkenntnisfähig, versiert genug ist, um ihm im Wortsinn gerecht zu werden. Als guter Freund und Helfer des Textes wie seines Vaters oder seiner Mutter wird er ihm/ihr dabei nicht nur nach dem Mund reden, sondern sich engagiert mit seinem/ihrem Manuskript auseinandersetzen, in einem Prozess, der hoffentlich von echtem Interesse geprägt ist.

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